Skyfarming: Landwirtschaft in der Stadt

Bevölkerungswachstum, Klimawandel, Verstädterung – Die Ernährungssicherheit der Weltbevölkerung ist immer stärker gefährdet. Nach Ansicht von Experten könnte „Skyfarming“, auch „vertikale Landwirtschaft“ genannt, hier für Entlastung sorgen. Dabei werden landwirtschaftliche Anbauflächen in mehrstöckige Gewächshäuser oder auf Dachflächen in der Stadt verlagert. Erste Beispiele machen Hoffnung: So wurde im Juli in New York mit 3.700 Quadratmetern die derzeit größte Dach-Anbaufläche eröffnet:

Auch in Deutschland wird an Voraussetzungen für „Skyfarming“ gearbeitet. Agrarforscher der Stuttgarter Universität Hohenheim beschäftigen sich derzeit mit dem Anbau von Reis. Zunächst gilt es eine Lösung für die hohen Umweltbelastungen durch Reisanbau zu finden: Auf einer weltweiten Anbaufläche von rund 160 Mio. Hektar braucht Reis jährlich 700 Mio. Tonnen Wasser. Dabei werden durch die Überflutung der Felder Gärungsprozesse ausgelöst, die große Mengen des Treibhausgases Methan erzeugen. Um dies zu vermeiden, versucht die Universität Hohenheim herauszufinden, wie Reis ohne Boden gezüchtet werden kann. Neben der Vermeidung von Methan ist der Verzicht auf Boden auch notwendig für den Anbau in oder auf Gebäuden, da diese das Gewicht nicht tragen könnten. Die Idee ist, den Reis mit Hilfe eines Transportbands zu züchten, dass mit kleinen Öffnungen versehen ist, in denen keimfreie Reissämlinge wachsen. Unterhalb des Bandes sprießen die Wurzeln in einem Dunkelraum und werden mit einer Nährlösung besprüht. Nachdem der Reis 120 Tage lang durch das Gebäude transportiert wurde, kann geerntet werden. Das dafür benötigte Gebäude müsste aus 20 Etagen bestehen und etwa 50 Meter hoch sein.

Hintergrund solcher Überlegungen ist es, Alternativen zur herkömmlichen Landwirtschaft zu entwickeln: Die zunehmende Wüstenbildung in vielen Teilen der Welt macht wichtige Anbauflächen unbrauchbar, wodurch zudem die Bodenpreise steigen. Das Bevölkerungswachstum und die Verstädterung verschärfen die Situation: So schätzen die UN, dass die Nahrungsproduktion bis 2050 verdoppelt werden muss, um die bis dahin prognostizierte Zahl von etwa neun Milliarden Menschen (aktuell rund sieben Milliarden) ernähren zu können. Zwei Drittel von ihnen werden dann in Städten leben.

Die Idee des „Skyfarming“ geht zurück auf den Mikrobiologen Dickson Despommier, Professor für Umwelt und Gesundheit an der Columbia University in New York. „Landwirtschaft in Gebäude zu verlegen ist die beste Methode, Nahrungssicherheit zu gewährleisten“, so Despommier in einem Bericht der Schleswig Holsteinischen Zeitung (SHZ) [Dieser Bericht wurde leider inzwischen gelöscht]. Laut Despommier habe die vertikale Landwirtschaft zahlreiche Vorteile: So brauche sie 90 Prozent weniger Wasser als die herkömmliche Landwirtschaft, ermögliche ganzjährige Ernten, vermeide witterungsbedingte Ernteausfälle und benötige keine Pestizide, sodass Lebensmittel biologisch erzeugt werden könnten. Die frei werdenden Flächen auf dem Land könnten mit Wäldern bepflanzt werden, die dann ihren Beitrag zum Kampf gegen den Klimawandel leisten. Der Lebensmittelanbau in der Stadt würde zudem lange Transportwege und die damit verbundenen Kosten vermeiden.

Die Konzepte zur vertikalen Landwirtschaft schreiten immer weiter voran: Nachdem die Farm auf dem Hausdach in Brooklyn, genannt „Brooklyn Grange“, in diesem Jahr erstmals abgeerntet werden konnte, zeigen sich lokale Politiker begeistert. Es sei auf jeder Ebene sinnvoll, sagt zum Beispiel der Stadtrat Jimmy van Bramer: „Es ist lokal produziert, lokal geerntet und wird lokal verkauft.“ Denn die Produkte der Brooklyn Grange werden an umliegende Restaurants und Märkte verkauft.

Weitaus visionärer ist dagegen das Projekt „Dragonfly“. Ein 700 Meter hohes Gebäude, das in New York stehen soll und, neben Wohn- und Arbeitsfläche für einige tausend Menschen, 28 übereinandergestapelte Felder für Viehzucht und Pflanzanbau beinhalten soll. Doch was die Viehhaltung in der Stadt angeht, macht auch Despommier Einschränkungen. Vieh müsse außerhalb der Städte gehalten werden, sagt der Mikrobiologe im Interview mit nachhaltigkeit.org.

Sein Unternehmen „Vertical Farm Technologies“ hat mit der in Abu Dhabi geplanten Ökostadt Masdar City eine Absichtserklärung unterzeichnet, nach der vor Ort ein vierstöckiges Gewächshaus realisiert werden soll. Weiteres Beispiel ist das Konzept der Architekturstudenten Ori Ronen und Andi Reich: Damit wollen die den zentralen Busterminal in ein landwirtschaftliches Zentrum umwandeln, mit einer kommunalen Markthalle und benachbarten Anbauflächen. Mit dieser Idee sicherten sie sich im April dieses Jahres den vom Institut für Architektur und Entwerfen der Technischen Universität Wien erstmals ausgeschriebenen „Blue Award 2010“. Auch die Europäische Umweltagentur (EEA) macht sich für die vertikale Landwirtschaft stark: „Nahrungsmittel müssen näher beim Verbraucher angebaut werden“, sagt die Direktorin der (EEA) Jacqueline McGlade. „Wir benötigen Vorzeigegebäude in jeder Stadt, um den Menschen eine völlig andere Vorstellung von Landwirtschaft nahe zu bringen.“

Doch dieser Ansatz hat auch Kritiker: „Alle technischen Fragen seien noch ungelöst“, schreibt Petra Hagen vom Institut für Umwelt und natürliche Ressourcen der Züricher Hochschule im Internetportal nachhaltigkeit.org (Link zum Artikel nicht mehr gültig). Offen sei zum Beispiel die Frage nach den Kosten sowie dem Energieverbrauch der Gewächshochhäuser. Laut SHZ sind außerdem manche Agrar-Experten der Meinung, dass keine neuen Anbauformen oder -flächen nötig seien, sondern bestehende effizienter genutzt werden müssten.

Quelle: http://www.nachhaltigkeitsrat.de/index.php?id=5596
 

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