Erdölpreis – das Fundament für neue Allzeithochs ist gelegt

Kurzfristig 150 bis 200 US-Dollar je Barrel möglich – Konjunkturelle Auswirkungen in Europa erwartet – Reservekapazität auf gefährlichem Niveau – Unkonventionelle Quellen als Alternativen

Rohöl der Marke Brent markierte 2011 ein neues durchschnittliches Allzeithoch von 111 US-Dollar je Barrel. Auch inflationsbereinigt war dies höher als 2008 und sogar höher als während des zweiten Ölschocks 1979/1980. Getrieben wurde die Ölpreisentwicklung im Vorjahr in erster Linie von der Angebotsseite und politischen Unruhen.

Die Erste Group sieht in ihrem heute in Wien präsentierten Ölreport 2012 (mit dem bezeichnenden Untertitel „Nothing to spare“) überwiegend Aufwärtsrisiken für den Ölpreis. „Auf Jahressicht rechnen wir mit einem durchschnittlichen Preis von 123 US-Dollar je Barrel Brent“, meint Ronald Stöferle, Rohstoffexperte der Erste Group. In Euro gemessen hat der Brent-Preis bereits neue Allzeithochs markiert und könnte in Europa bald konjunkturelle Auswirkungen nach sich ziehen.

Was sind die Preistreiber?

Lag der durchschnittliche inflationsbereinigte Ölpreis im Rahmen des Bretton Woods Abkommens nach dem 2. Weltkrieg noch bei 6,1 US-Dollar je Barrel, so stieg er nach Abkehr vom Gold rapide an. Seit Ende der letzten Goldbindung des US-Dollars kostete ein Barrel Öl inflationsbereinigt im Schnitt 20,6 US-Dollar. Während der Ölpreis in Gold gemessen stabil ist, verlor der Dollar gegenüber Öl um mehr als 98% an Kaufkraft.

Einen weiteren Preistreiber sieht Stöferle im Peak-Oil Szenario: „Meiner Meinung nach ist das globale Fördermaximum bei konventionellem Öl schon überschritten worden. Ich gehe zwar davon aus, dass unkonventionelle Fördermethoden dies größtenteils kompensieren können, jedoch sind die günstig abbaubaren Ressourcen bereits weitgehend erschöpft.“ Vor allem durch die Erdölproduktion aus Ölschiefer konnte die seit 1970 rückläufige Ölproduktion seit ihrem Tiefpunkt 2008 wieder deutlich gesteigert werden. Nach Angaben der größten Produzenten ist diese Art der Ölgewinnung ab einem Ölpreis von rund 60 US-Dollar je Barrel profitabel. Beim derzeitigen Niveau von etwa 100 US-Dollar je Barrel (WTI) ist der Boom der neuen Ölquellen nachvollziehbar. Entsprechend der aktuellen Preisprognose ist zu erwarten, dass Schieferöl (und -gas) auch in Europa in den nächsten Jahren größere Bedeutung zukommen wird.

Der Glaube an einen raschen Ersatz von fossilen Energieträgern durch Alternativenergien erscheint der Erste Group bei den aktuellen Investitionsvolumen und politischen Willensbekundungen „illusorisch bzw. naiv. Aktuell scheint hier der Wille für eine langfristige Veränderung nicht gegeben zu sein.“

Auch der stark gestiegene „Break-Even Ölpreis“ stellt einen wichtigen Faktor dar. Saudi Arabien benötigt mittlerweile einen Ölpreis in Höhe von 80 US-Dollar, um einen ausgeglichenen Haushalt zu präsentieren, in Russland wird der Wert heuer bei 126 US-Dollar liegen. Ein Großteil der Exporteure ist somit auf ein Preisniveau von zumindest 80 bis 90 US-Dollar angewiesen.

Zudem ist die Reservekapazität der OPEC auf kritischem Niveau. Nachdem Saudi Arabien noch nie nachhaltig mehr als 10 mb/d produziert hat, ist zu befürchten, dass sich erst im Ernstfall herausstellen wird, ob die Reservekapazität tatsächlich in angegebenem Umfang existiert.

Weiters scheint es, als würde die OPEC den Preis derzeit besser denn je kontrollieren. Preise von 90 bis 110 US-Dollar dürften im aktuellen Umfeld noch keinen Nachfrageeinbruch in Folge gestiegener Preise auslösen. Es scheint, als würde der Ölpreis das exakte Preisniveau dieser kritischen Marke antesten und bei jedem Anlauf ein wenig höher steigen.

Die zunehmend expansive Geldpolitik seitens Federal Reserve, EZB, Bank of England und Bank of China wirkte ebenfalls stimulierend. Nachdem die Federal Reserve ihre Nullzinspolitik nun zumindest bis Ende 2014 fortsetzen wird, sollte dies den gesamten Rohstoffsektor und hier insbesondere Öl und Gold unterstützen. Das Fundament für neue Allzeithochs ist somit gelegt.

Nahostpolitik als größtes Risiko

Das Überschwappen der politischen Umstürze 2011 auf Libyen und der daraus resultierende Bürgerkrieg hat die Bedrohung durch Produktionsausfälle in politisch instabilen Ländern deutlich aufgezeigt. Obwohl das Land mit seiner Erdölproduktion von rund 1,65 mb/d nur etwa 2% der weltweiten Produktion ausmacht, stieg der Brent-Preis zwischen Februar und April letzten Jahres um etwa 25%.

Aktuell blickt man mit Spannung auf den Iran, den drittgrößten Erdölexporteur der Welt. Die latent schwelende Krise scheint knapp vor einer Eskalation zu stehen. Die jüngsten Manöver, Drohgebärden, Sanktionen und Embargos und der derzeit stattfindende Schattenkrieg haben die Stimmung weiter erhitzt. Auch wenn der Iran eine Blockade der Straße von Hormus vermutlich nur für kurze Zeit aufrechterhalten könnte, so wären die Konsequenzen dramatisch: 20% der Weltölproduktion werden durch dieses maritime Nadelöhr transportiert – der Ölpreis würde definitiv neue Allzeithochs markieren und könnte bis zu 200 US-Dollar erreichen.

Asien und ein steigender Eigenverbrauch der Förderländer dominieren nachfrageseitig

Die Nachfrageseite wird weiterhin klar von Asien dominiert. 70% des zusätzlichen Ölkonsums entfallen auf China und Indien. „Den derzeit stattfindenden Paradigmenwechsel erkennt man beispielsweise daran, dass China im Vorjahr die USA als weltweit größten Energieverbraucher überholt hat“, so Stöferle.

Besorgniserregend erscheint auch die Tatsache, dass bei zahlreichen Ölexporteuren der Anteil des Inlandskonsums an der gesamten Ölförderung stetig steigt. Derzeit werden etwa 29% der saudischen Produktion im Inland verbraucht. Anfang der 90er Jahre lag der Wert noch bei 13%. Sofern sich die Entwicklung in ähnlichem Tempo fortsetzt, würden in Saudi Arabien beispielsweise in 10 Jahren weniger als 50% der Produktion für Exporte zur Verfügung stehen. Dies würde einerseits das Budget sprengen, andererseits ist Saudi Arabien der einzig nennenswerte Swing Producer und für die weltweite Ölversorgung essentiell. Wenn keine Großfunde bzw. massive Kapazitätsausweitungen stattfinden, könnte der steigende saudische Inlandskonsum langfristig für Engpässe sorgen.

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