Biokraftstoffe – Potenziale, Risiken, Zukunftsszenarien

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Der Einsatz von Kraftstoffen aus der Agrarproduktion verfolgt mehrere Ziele: Verringerung der Treibhausgasemissionen, Verminderung der Abhängigkeit von Importen fossiler Energieträger sowie Steigerung der regionalen Wertschöpfung. Koordiniert vom Umweltbundesamt haben Experten unterschiedlicher Disziplinen (siehe für eine vollständige Liste ganz unten) seit 2008 unter dem Titel „Biokraftstoffe – Potenziale, Risiken, Zukunftsszenarien“ Antworten auf offene Fragen erarbeitet.

Im Modul 1 wurde das Potenzial des Biomasseanbaus von Raps in Österreich berechnet:

  • Eine Modellierung des potentiellen Anbaugebietes für Raps ergab, dass zwischen 89% und 98% des gesamten aktuellen Ackerbaugebietes für den Rapsanbau geeignet ist.
  • Eine Modellierung des potentiellen Ertrages basierend auf einer regionalen Ertragsstatistik der Statistik Austria ergab bei Ausschöpfung aller potentiellen Flächenressourcen und einer Annahme eines Rapsanteils von 25% in der Fruchtfolge einen maximal möglichen Ertrag von 896.784 t Raps, 403.553 t Rapsöl oder 386.142.107 l Rapsmethylester.
  • Eine Modellierung unter Annahme einer realistischen Anbaufläche und einer Steigerung des generellen Rapsanteils von aktuell (2008) 4% auf 10% ergibt einen Ertrag von 354.284 t Raps, 159.428 t Rapsöl oder 152.406.947 l Rapsmethylester.
  • In Österreich wurden laut Mineralölbericht der WKO im Jahr 2009 insgesamt 5,95 Mio. t Diesel verbraucht.
  • Das Anbaupotenzial von genetisch verändertem herbizidtolerantem Raps ist in Österreich sehr gering, wenn beim Anbau vorgegebene Mindestabstände zum konventionellen Raps eingehalten werden. Die Anbaufläche hängt direkt von der Kompaktheit der landwirtschaftlichen Strukturen ab, vom Anteil genetisch veränderten Rapses in einem Gebiet sowie indirekt vom Schutzabstand zwischen den verschiedenen Raps-Kulturen .

Im Modul 2 wurde die Ökobilanz von Biokraftstoffen untersucht:

  • Die meisten Emissionen entstehen bei Biodiesel aus Raps und bei Bioethanol aus Weizen in der Anbauphase, bei Biogas aus Mais durch den Veredelungsvorgang.
  • Werden die gesamten Emissionen entlang des Lebenszyklus bei Biodiesel, Bioethanol und Biogas ohne Berücksichtigung der Landnutzungsänderungen betrachtet, ergeben sich im Vergleich zu den fossilen Energieträgern große Treibhausgaseinsparungspotentiale.
  • Durch die Berücksichtigung möglicher Landnutzungsänderungen, welche durch den Anbau von Biomasse verursacht werden können, wird das Treibhausgaseinsparungspotenzial von Biodiesel stark verringert; bei Bioethanol wird die Treibhausgasbilanz ungünstiger als bei fossilem Benzin.

Im Modul 3 wurde der Einfluss des Anbaus von Ausgangsprodukten für die Biokraftstoffproduktion auf die Biodiversität untersucht:

  • Auf gefährdete Arten der Roten Liste wirken sich Rapsanbau auf Brachen, Kurzumtriebsplantagen auf Grünland, Kurzumtriebsplantagen auf Acker sowie forstliche Intensivierung allesamt negativ aus, der negative Einfluss ist bei Rapsanbau größer als bei den anderen Produktionsformen.
  • Auf die Vorkommen vieler ausgewählter Vögel der Kulturlandschaft wirkt sich ein erhöhter Rapsanbau negativ aus, einige Arten profitieren aber.
  • Auf Landschaftsebene reduziert Brachenumbruch die Artenvielfalt von Gefäßpflanzen, Moosen, Vögeln, Heuschrecken, Laufkäfern, Spinnen und Ameisen etwa um 5 bis 10%.

Im Modul 4 wurden die Auswirkungen vermehrten Biokraftstoffeinsatzes auf die Luftqualität mit Hilfe von Modellrechnungen untersucht und darauf aufbauend Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung abgeschätzt:

  • In den Biodiesel-Szenarien könnte der negative Effekt des NO2-Anstieges (Zunahme an Todesfällen) die positiven Effekte (Vermeidung von Todesfällen) der reduzierten Feinstaubemissionen überwiegen. Unter Beachtung, dass der negative Effekt von NO2 oft deutlich geringer ist oder sogar verschwindet, wenn die Feinstaubimmissionen mitberücksichtigt werden, dann könnte trotz des Anstiegs der NO2 Belastung ein positiver Nettoeffekt resultieren.
  • Beim Ethanol-Szenario finden sich praktisch keine Änderungen der O3-Belastung. NO2-Konzentrationen nehmen deutlich ab, während bestimmte gesundheitlich relevante flüchtige organische Kohlenwasserstoffverbindungen deutlich ansteigen. Eine qualitative Abschätzung führt jedoch zum Schluss, dass dieses Szenario insgesamt aus gesundheitlicher Sicht leicht positiv zu bewerten ist.

Im Modul 5 wurden die Ergebnisse der vier Module integriert und zu einer Gesamtaussage synthetisiert. Das Ziel lag neben der Beantwortung der eingangs gestellten Forschungsfragen die Begründung eines interdisziplinären Forschungsfelds an der Schnittstelle zwischen Physik, Biologie, Landschaftsökologie, Umweltwissenschaften und Medizin.

Ein spannendes Projekt mit interessanten Ergebnissen!
Besonderer Lesetipp:

Lichtblau Günther, Pölz Werner, Stix Sigrid, Winter Ralf:
Ökobilanzen ausgewählter Biotreibstoffe
Erstellt im Rahmen des Projekts „Biokraftstoffe – Potentiale, Risiken, Zukunftsszenarien“

Umweltbundesamt
Wien, 2012
Reports, Band 0360
ISBN: 978-3-99004-163-5
52 S.

PDF/1,2 MB >>> http://www.umweltbundesamt.at/fileadmin/site/publikationen/REP0360.pdf

Projektkoordination: Umweltbundesamt; Projektpartner: BirdLife Österreich, Forum Umweltbildung, Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik, Lehr- und Forschungszentrum Francisco Josefinum, Medizinische Universität Wien, Naturschutzbund Niederösterreich, Universität für Bodenkultur

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