Teller-Tank: Hunger wegen Bioenergie?

Teller oder Tank: Brot als Abfall?! – Filmstill aus „Taste the Waste“

Das schwarz-weiße Bild vom „Teller ODER Tank“ macht die Verwendung von Nahrungsmitteln oder Ackerflächen als Bioenergie-Basis für den Hunger auf der Welt (mit) verantwortlich. In meinem Buch „Biodiesel oder Dinodiesel“ habe ich mich unter anderem mit den dazu vorgebrachten Argumenten auseinandergesetzt.

Nach dem aktuellen Welthungerbericht der Vereinten Nationen hat sich die Zahl der Hungernden auf der Welt von 850 Mio. auf 925 Mio. Menschen erhöht. In ihrer Analyse der Ursachen legen die Autoren des Berichts den Fokus auf die Entwicklung der Nahrungsmittelpreise. Nach einer sinkenden Tendenz von den frühen 1960er- bis in die frühen 2000er-Jahre stiegen diese langsam bis 2006 an, bevor sie zwischen 2006 und 2008 geradezu explodierten. Nach einer Erholung 2009 kletterten die meisten Preise 2010 wieder nach oben bis sie im Frühjahr 2011 einen neuen Höchststand erreichten, der – wie die Kurve des Food Price Index der FAO zeigt – selbst die Werte von 2008 übertraf:

FAO Food Price Index
FAO Food Price Index

Der von IFPRI, Concern Worldwide und der Welthungerhilfe publizierte „Welthungerindex 2011“ sieht die drei wichtigsten Faktoren dafür in der

  1. Steigerung der Produktion von Agrartreibstoffen infolge fester Beimischungsquoten, die die Nachfrage trotz schwankender Ölpreise unflexibel machten, den
  2. mittel- und langfristigen Auswirkungen des Klimawandels und der
  3. Zunahme finanzieller Aktivitäten auf den Warenterminmärkten.

In der Abwägung der Vor- und Nachteile von Bioenergie (vor allem im Kontext von Biotreibstoffen) werden diese Faktoren in der „Teller-(Trog-)Tank“-Diskussion strapaziert. Ich bin zwar auch der Meinung, daß es einen Zusammenhang zwischen dem Anbau von Biomasse zur energetischen Nutzung und den Nahrungsmittelpreisen bzw. dem Hunger in den ärmsten Regionen der Welt gibt. Fairerweise müssen aber selbst Gegner von Bioenergie zugeben, dass bis dato noch nicht belastbar beziffert werden konnte, wie groß (oder klein) dieser komplexe Zusammenhang tatsächlich ist.

Ein Arbeitspapier der Weltbank zitiert beispielsweise diverse Studien, deren Antwortspektrum dazu erstaunlich ist: So geht eine Studie davon aus, dass der Beitrag der Biokraftstoffproduktion aus Mais (USA) und Ölsaaten (EU) der „wichtigste Faktor hinter den Preissteigerungen der Nahrungsmittelpreise zwischen 2002 und 2008″ war, während andere überhaupt keinen direkten Zusammenhang fanden. Für zukünftige Preissteigerungen geht die FAO davon aus, dass bei einer Verdoppelung der Biokraftstoffproduktion bis 2018 die Getreidepreise um 12%, die Weizenpreise um 7% und die Preise pflanzlicher Öle um 15% im Vergleich zu einem Produktionsausmaß wie 2007 steigen würden. Weitere angeführte Quellen schätzen die Auswirkungen ebenfalls in ähnlichen Größenordnungen ein. Die Autoren der Weltbank-Studie selbst bezweifeln diese Ergebnisse, zumal die Ackerflächen für Biokraftstoffe bis dato bloß 1,5% der weltweiten Getreide- und Ölsaaten-Anbauflächen ausmachen und auch deshalb, weil sich sowohl die Maispreise während der ersten Phase des US-Ethanol-Wachstums als auch die Ölsaatenpreise während der „beeindruckenden verstärkten Nutzung von Biodiesel“ in der EU kaum bewegten. Selbst der Direktor der FAO, José Graziano da Silva, wich von der bisherigen Linie seiner Organisation ab und warnte davor, „Biokraftstoffe zu verteufeln“ (Financial Times).

Vor allem die folgenden drei Punkte werden in der höchst emotionalen Diskussion um Bioenergie aus meiner Sicht aber „zu leise gesagt“ oder sogar „übersehen“:
1. Ackerland

Während in den vergangenen nahezu 50 Jahren zunehmend mehr Flächen für die landwirtschaftliche Produktion verwendet worden sind (1961: 34,2%; 2009: 37,6%), blieb der Anteil des Ackerlandes an der gesamten Agrarfläche nahezu konstant (1961: 9,8%; 2009: 10,6%). Standen 1961 noch 1,4 ha/Kopf landwirtschaftliche Flächen zur Verfügung halbierten sie sich aufgrund des rasanten Bevölkerungswachstums bis 2009 auf nur mehr 0,7 ha/Kopf. Bei den Ackerflächen verringerte sich die Anbaufläche ebenfalls von 0,4 ha/Kopf auf 0,2 ha/Kopf (FAOSTAT).

Agrarfläche pro Kopf
Entwicklung Agrarland und Agrarfläche pro Kopf

Dabei ist die Landwirtschaft in den Industrieländern heute so produktiv wie nie zuvor. Konnte ein Bauer 1960 zehn Menschen ernähren, waren es 2008 bei gleichbleibender Fläche schon 140. Exporte dieser Nahrungsmittel(überschüsse) nach Afrika werden durch EU-Gelder subventioniert. Was für europäische Bauern ein zusätzliches Einkommen bedeutet, hat für Kleinbauern in Entwicklungsländern allerdings fatale Folgen: Die subventionierten Produkte aus Europa ruinieren lokale Märkte (Planet Wissen).

2. Spekulationsgeschäfte

Die Börsen haben Rohstoffe „entdeckt“. Gerade im Zeitraum der bereits oben analysierten Preisanstiege (2006 – 2008) kam es zu bedeutenden Transaktionen: Die Europäische Kommission stellte fest (BMWi), dass die Investitionen in Warentermingeschäfte zwischen 2003 und 2008 von 13 Mrd. Euro auf 170 bis 205 Mrd. Euro angestiegen sind.

Seitdem ist das Anlagevolumen in Rohstoffderivate auf 435 Mrd. US-Dollar geradezu explodiert: Nach Analysen von Barclays Capital ist dieser Anstieg – neben einem massiven Anstieg der Finanzanlagen in Edelmetalle – vor allem auf Investitionen in Agrar- und Energierohstoffe zurückzuführen (Barclay Commodity Investor; Reuters):

Total Commodity Assets Under Management
Total Commodity Assets Under Management [Mrd. US-Dollar]; Zahlenwerte in der Grafik für Agrarrohstoffe

Dass Aktivitäten auf den Terminmärkten die Preise an den Rohstoffmärkten – losgelöst von den Fundamentaldaten – beeinflussen und ein sogenanntes „Blasen-Phänomen“ auslösen können, lässt ein Blick auf die an den Termin- und Derivatemärkten gehandelten Volumina vermuten: So hat sich an der global gesehen bedeutsamsten Rohstoffbörse in Chicago (CBOT) das Volumen der gehaltenen Terminkontrakte von rund 70.000 im Jahr 1986 auf mehr als 700.000 im Jahr 2011 verzehnfacht (OXFAM). Von der Realität sind diese Geschäfte jedoch „entkoppelt“: Mittlerweile werden an der CBOT das 46fache der jährlichen Weizenproduktion und das 24fache der jährlichen Maisproduktion gehandelt (BMWi).

3. Nahrungsmittel im Abfall

Nach einer Studie der Welternährungsorganisation (Global Food Losses and Food Waste) wird ein Drittel aller weltweit produzierten Lebensmittel nie konsumiert. Jährlich sind das etwa 1,3 Mrd.t, was mehr als dem halben Wert der weltweiten Getreideproduktion entspricht. Während die Rohstoffe in den Entwicklungsländern (630 Mio.t) hauptsächlich beim Transport zwischen Ernte und Verkauf verloren gehen, sind in den wohlhabenden Regionen der Welt (670 Mio.t) überwiegend Händler und Konsumenten dafür verantwortlich, dass viele Lebensmittel nicht auch konsumiert werden. Sie werfen jedes Jahr 222 Mio.t weg – das entspricht der Nahrungsmittelproduktion von Afrika südlich der Sahara. Pro Kopf vergeuden Industrieländer auf diese Weise 115 kg Lebensmittel, in ärmeren Regionen wie Südostasien oder Afrika sind es vergleichsweise geringe 11 kg.

Ungefähr 300 Euro pro Jahr gibt jeder Österreicher im Durchschnitt für Lebensmittel aus, die er dann ungeöffnet entsorgt. Der Anteil biogener Abfälle im Restmüll beträgt 37%, wobei ein Großteil davon Lebensmittel sind. Rund 6 bis 12% des Restmülls sind originalverpackte oder angebrochene Lebensmittel. Im Gewerbemüll sind 1 bis 2% – also 12.000 bis 25.000 t/a – an Lebensmitteln vorzufinden. Summiert ergibt das österreichweit zwischen 83.000 und 166.000 t Lebensmittel, die jährlich in den heimischen Mülltonnen landen. Das entspricht in etwa dem Verbrauch an Lebensmitteln von Innsbruck beziehungsweise Graz (ARGE Bäuerinnen). Im Bereich Altbackwaren kommt eine Studie zum Schluss, dass rund 10% der in Österreich produzierten und verkauften Menge an Brot und Gebäck entsorgt wird. Hochrechnungen auf Basis von Daten aus den Jahren 2007 und 2008 ergeben eine Menge von etwa 65.000 t Altbackwaren, die jährlich in Österreich bei Bäckereiunternehmen anfallen (Lebensmittel sind kostbar).

Für Deutschland stellt eine Studie der Fachhochschule Münster, der Verbraucherzentrale NRW und der Trifolium Beratungsgesellschaft fest, dass in der dort weggeworfenen Nahrung so viele Ressourcen stecken, dass 15 Mio. Menschen damit ernährt werden könnten. Tierprodukte machen laut dieser Studie etwa 22% aller Lebensmittelabfälle in Deutschland aus. Da ihre Herstellung jedoch besonders energieaufwändig ist, sind sie für über die Hälfte der ökologischen Folgen verantwortlich, die durch weggeworfene Lebensmittel entstehen. Zahlreiche Dokumente zum wertschätzenden Umgang mit Lebensmitteln stehen auf der Homepage des Umweltministeriums von NRW zum Download zur Verfügung.

Last-but-not-least zwei Tipps:
Filmtipp:

Wer macht Essen aus Müll? Welche Folgen hat die globale Nahrungsmittel-Vernichtung für das Klima? Und für die Ernährung von sieben Milliarden Menschen? Der Film „Taste the Waste“ findet die Antworten bei Bauern, Supermarkt-Direktoren, Müllarbeitern und Köchen in Deutschland, Österreich, Japan, Frankreich, Kamerun, Italien und den Vereinigten Staaten von Amerika. Und er findet Menschen, die unserem Essen mehr Wertschätzung entgegenbringen und Alternativen entwickelt haben, um die Verschwendung zu stoppen.

Buchtipp:

Auch in meinem Buch „Biodiesel oder Dinodiesel“ beschäftige ich mich intensiv mit der Teller-Tank-Diskussion und weiteren Auswirkungen von Bioenergie. Beispielsweise indirekten und direkten Landnutzungsänderungen, land grabbing und der Flächeneffizienz und dem Flächenbedarf für Bioenergie. Siehe dazu im Buch Kapitel 4.2.2 ab Seite 116!

2 Gedanken zu “Teller-Tank: Hunger wegen Bioenergie?

  1. Zur automatisierten Verschwendung kommt es in der Nahrungsmittelindustrie. So hat Tristram Stuart, der in seinen Büchern bereits seit Jahren die Verschwendung geißelt, unter anderem eine Sandwich-Fabrik besucht. Stuart berichtet, dass sie jeden Tag 13.000 Scheiben frisches Brot entsorgt. Nicht, weil sie schlecht plant, sondern weil sie von jedem Laib die ersten und letzten beiden Scheiben nicht nutzt.

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