„Wir müssen die Umweltverschmutzung terminaten“

Arnold Schwarzenegger: Keynote bei der Vienna R20
Arnold Schwarzenegger: Keynote bei der Vienna R20 – Foto: © Fotodienst/Anna Rauchenberger
Unter dem Titel „Implementing the Sustainable Energy Future“ fand letzte Woche die zweite Konferenz der Initiative R20 (http://regions20.org) in Wien statt. Nun ist damit eine weitere internationale Klimakonferenz vorbei, und wieder einmal ist die Welt nicht gerettet worden. Wer das von der Vienna R20 allerdings erwartet hatte, hat offensichtlich ähnliche Veranstaltungen der Vergangenheit zu wenig verfolgt.
Hier eine persönliche Betrachtung – unterstützt von den Tweets jener Nutzer, die die Konferenz unter dem offiziellen Hashtag #ViennaR20 kommentierten:

Blinkende Blaulichter auf zivilen Fahrzeugen, aufgeregte Menschenmassen und Fotografen mit Teleobjektiven säumen am Donnerstag Morgen meinen Weg zur Aula der Wissenschaften in Wien. Wollen sie alle zur Vienna R20, um die Gedanken unserer Eliten zu Klimawandel und Energiewende zu hören? Oder sind das bloß Autogrammjäger, die auf den Terminator warten?

Werner Faymann

Ein heftiges Blitzlichtgewitter bricht los, als Arnold Schwarzenegger, die Keynote Speaker und die Gäste des ersten Panels den Saal betreten. Und nach mehrmaliger Aufforderung der Moderatorin kann die Konferenz mit leichter Verspätung dann starten.

Die Eröffnungsrede hält Bundeskanzler Werner Faymann, der – einmal mehr – die hierzulande bereits gegangenen Schritte stolz hervorhebt: Österreich sei das „viertbeste Land Europas hinsichtlich erneuerbarer Energien“ und das Burgenland, das vor 15 Jahren noch überhaupt keinen Strom erzeugte, würde dank Windkraft heuer stromautark. Das Publikum lauscht andächtig, aber auf Twitter folgen postwendend Reaktionen wie diese:

José Manuel Barroso

In seiner recht trockenen Keynote gibt EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso zu, dass die EU bei den großen Klimakonferenzen Rio+20 und in Doha „noch nicht alles Gewünschte“ erreicht habe. Er bestärkt zwar das Bekenntnis der EU zu mehr Klimaschutz und weniger Treibhausgasen. Gleichzeitig weist er aber darauf hin, dass dieses komplexe Problem angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Situation und der hohen Arbeitslosigkeit nicht leicht zu lösen sei. Aber jedenfalls ist „Nachhaltigkeit zutiefst in der EU-Politik verwurzelt“ und nicht nur „short term pain for long term gain“. Er möchte:

Konkret hat die Kommission für 2012 und 2013 rund 2 Milliarden Euro für Rio-bezogene Projekte gewidmet; in Summe sollten rund 8 Milliarden Euro für nachhaltige Entwicklung ausgegeben werden. Als Beispiel für den regionalen Ansatz, der bei konkreten Projekten verfolgt würde, nennt er jene 5,6 Millionen Euro, die für den „Green Building Cluster“ (= Bau.Energie.Umwelt Cluster) in Niederösterreich bereitgestellt werden.

Für die Zukunft betont Barroso, dass die Verbindung von Wirtschaftswachstum und Umweltschutz kein Widerspruch sei, sondern sogar ein Ausweg aus der Wirtschaftskrise sein könne. Das EU-Budget soll dazu entsprechende Anreize liefern, es brauche aber auch moderne Helden:

Kandeh Yumkella

Besonders inspirierend ist dann die Keynote von Kandeh Yumkella, Generaldirektor der UNIDO: Er sieht in den Jahren 2014 bis 2024 die Dekade des Zugangs zu nachhaltiger Energie für alle…

…und er schafft es, eine Aufbruchsstimmung zu erzeugen, als er erneuerbare Energien mit den Bildungschancen und der Sicherheit vieler Menschen verbindet. Außerdem zeigt er sich kritisch als er meint, dass es zwar schön sei, globale Ziele zu haben, aber die Umsetzung sei dann doch Sache (Verantwortung?) der einzelnen Länder:

Vor allem bezogen auf den afrikanischen Kontinent wartet er mit konkreten Beispielen, Fakten und Ideen auf: Beispielsweise könnte mit 50% des abgefackelten Gases der Energiebedarf Afrikas gedeckt werden. Oder Ansätze, wie mit „sauberen“ Öfen und solarbetriebenen LED-Leuchten nicht nur die Entwicklung von Ländern forciert, sondern auch CO2-Emissionen und weitere negative Auswirkungen wie die zunehmende Wüstenbildung vermieden werden können. Seinen Hinweis auf die immer noch fehlende Kostenwahrheit einzelner Energieträger unterbricht das Publikum mit einem Extra-Applaus.

Arnold Schwarzenegger

Und dann (endlich!) betritt Arnold Schwarzenegger in Cowboystiefeln und mit Totenkopfring zum Anzug die Bühne (eine ausdrucksstarke Fotostrecke finden Sie hier). Nach einer (kurzen deutschen) Begrüßung erzählt dann Arnie seine Geschichte, die – ab dem ersten Moment schon alleine wegen seines persönlichen Zugangs und des storytelling-Ansatzes – wirklich beeindruckt:

Dazu bringt er Anekdoten aus seinem Privatleben – beispielsweise wie er seinen Kinder Energiesparen beibrachte: Indem er jedes Mal, wenn sie ohne das Licht auszuschalten den Raum verließen, eine Glühbirne entfernte: „Als es dann ganz dunkel war, war es ihnen auch nicht recht.“ Er verwendet auch immer wieder griffige Zitate aus seinen Filmen, um seine Ausführungen zum Kampf gegen den Klimawandel zu untermalen:

Schlussendlich kommt er – „amerikanisch verpackt“ – auch auf konkrete Kritik- und Ansatzpunkte zu sprechen. Und erntet im Publikum und auf Twitter spontanen Applaus:

Schwarzenegger zieht mit seiner emotionalen Rede das Publikum sofort auf seine Seite – und: sein Zugang hat tatsächlich etwas:

Die Forderung nach Blickwinkeln, die den Einzelnen (statt Parteien) sowie Regionen (statt internationale Abkommen) in den Mittelpunkt stellen, klingt logisch und erfolgversprechend. Die Motivation von Menschen auf regionaler Ebene bringt (wie unzählige Beispiele zeigen) oft wesentlich mehr Innovations- und Umsetzungskraft mit sich, als vage Zielzusagen wie Kyoto I, aufgeschobene Diskussionen wie Kyoto II oder nach zähem Ringen erzielte Kompromisse des Gesetzgebers.

Seine Überzeugung, dass Zurückhaltung oder Bescheidenheit beim Konsum kein Thema sei, ist aber kritisch zu hinterfragen. Alle notwendigen Technologien seien verfügbar – sie müssten eingesetzt, verbessert und weiterentwickelt werden. Klimapolitik müsse einfach sexy werden, und auch den Hummer und den Jacuzzi könne man behalten: vorausgesetzt sie würden „grün“ betrieben. Negative Auswirkungen – beispielsweise die verursachten Rebound-Effekte – „übersieht“ der leidenschaftliche Hummer-Fan Schwarzenegger.

Sechs Panels

Die im Anschluss an diese Eröffnungsansprachen startenden Panels waren während der gesamten Veranstaltung hochkarätig besetzt. Sie versprachen spannende Inputs und Diskussionen unter folgenden Titeln:

1. Energy Mix of the Future
2. Empowering Regions to Implement New Energy Solutions
3. Innovative Finance Mechanisms for Climate Investment Flows
4. Technologies for a Smart Future
5. Emerging Countries Showing the Path: Successful Strategies for Regions
6. Implementing the Renewables

In unterschiedlichem Ausmaß wurden dann auch inhaltliche Neuigkeiten, Ideen, Ansatzpunkte und Meinungen präsentiert. Schade finde ich, dass es kaum kontroversielle Standpunkte gab, die zu Argumenten und Diskussionen führten. Auch, dass manche Teilnehmer ihr Statement mit einer Firmenpräsentationen einleiteten („Let me just start with some words to my company…“) und es dabei beließen. Somit war das bezahlte Sponsorpaket gut genutzt, aber ein inhaltlicher Beitrag hätte für das Publikum oft mehr Nutzen gestiftet.

Zum Nachlesen bzw. Bilden einer eigenen Meinung habe ich für Interessierte die wichtigsten Tweets zu den Panels auf Storify (Link am Ende des Blogposts) zusammengestellt. Für mehr Infos findet sich ganz unten auch ein Link, unter dem die Panels 1 bis 4 als Audiofile verfügbar sind.

Auszeichnungen spornen an!

Im Rahmen der Veranstaltung wurde auch zum zweiten Mal der Preis „Nobel Sustainability Clean Tech Company 2013“ des „Nobel Sustainability Trust“ verliehen. Er ging an die Sunpartner Group aus Frankreich. Damit wurde das Unternehmen für die Erfindung der WYSIPS-Technologie (What You See Is Photovoltaic Surface) gewürdigt, die jedes Medium (beispielsweise das Display eines Handys) in eine Solarenergie produzierende Oberfläche verwandeln kann.

Søren Kofoed/Nobel, Ludovic Deblois/Sunpartner, Gustaf Nobel
Søren Kofoed/NST, Ludovic Deblois/Sunpartner, Gustaf Nobel

Hier noch eine Idee für das follow-up und ähnliche Konferenzen: Mir ist bewusst, dass diese und ähnliche Konferenzen nicht für alle Interessierten auch öffentlich zugänglich gemacht werden können. Die Inhalte sind aber mit Hilfe moderner Medien (Livestream, Slideshow, Youtube…) einfach und kostengünstig transportierbar. Auf diese Art kann auch Interaktivität und Einbindung der Massen noch besser entstehen und genutzt werden (Twitterwall, Abstimmungen, Fragen an die Panels,…), als es bei dieser Veranstaltung tatsächlich möglich war (One-way-Publikumsvotings only).

FAZIT

Für mich war die Konferenz spannend und sinnvoll. Spannend wegen der Kommunikationsfähigkeiten einzelner Redner (Schwarzenegger, Yumkella/UNIDO, Schlusswort von Tamminen/R20 und anderer) sowie wegen der Teilnehmer, mit denen ich mich über Klima- und Energiethemen austauschen konnte. Sinnvoll, weil sie – versteckt hinter oft gehörten Worten – auch für die Energiewende konkrete Botschaften geliefert hat:

Der Einzelne muss „infiziert“ und motiviert werden. Dem R20-Gründer Schwarzenegger gelingt dies aufgrund seiner Prominenz besonders gut. Für sein PR-wirksames Engagement für den Klimaschutz sollten wir ihm deshalb dankbar sein. Das „Aufrütteln“ gelingt auch, indem man dem Einzelnen sagt, „was geht“ und ihn „zum Teil der Lösung macht“. Auch die Präsentation von Best practices und die Würdigung von Erfolgen durch die Verleihung von Preisen ist ein Weg dazu.

Internationale Vereinbarungen sind wichtig. Aber darauf zu warten oder sich darauf zu verlassen ist zu wenig. Der richtige Ansatzpunkt liegt in den Regionen und in gelebten Partnerschaften.

Der Wandel liegt unter anderem in der unternehmerischen Innovationskraft, die umgekehrt allerdings auch gesellschaftlichen Nutzen stiften kann. Die Vernetzung von Wirtschaft und Politik auf Konferenzen wie dieser unterstützt diese Entwicklung.

„Nachhaltigkeit“ ist in der breiten Öffentlichkeit angekommen. Jetzt ist es notwendig, das Thema aktiv in der öffentlichen Diskussion zu halten, denn: Steter Tropfen höhlt den Stein. Die Berichterstattung über Konferenzen wie R20 und die Einbindung der Öffentlichkeit trägt dazu bei.

Die stockende und schulterklopfende Politik, muss manchmal ihre Rolle („…public, not party servants…“) überdenken. Die Lösung liegt jedenfalls nicht in einer bestimmten ideologischen Ecke: „Es gibt keine liberale und keine konservative Luft, sondern wir atmen alle dieselbe Luft.“, sagt Schwarzenegger dazu.

Und – wie sich der R20 Strategic Advisors Terry Tamminen verabschiedete:

It’s time to take of our jackets & ties, roll up our sleeves, and act!
Links & Downloads:

Ein Gedanke zu “„Wir müssen die Umweltverschmutzung terminaten“

  1. Um die europäische Verpflichtung zum Klimaschutz zu erfüllen, hat die Europäische Gemeinschaft im Jahr 2003 für industrielle Großemittenten aus Energiewirtschaft und Produzierendem Gewerbe/Industrie ein System des Emissionshandels beschlossen: Rund die Hälfte der insgesamt zulässigen Menge an Kohlendioxid-Emissionen wurde der erfassten Industrie zugeteilt, und diese wiederum von den Mitgliedsstaaten einzelnen Anlagen (dies geschieht in so genannten “Nationalen Allokationsplänen”, abgekürzt NAP) als handelbare „Emissionsberechtigung“. Unternehmen, die mit ihrer Zuteilung nicht zurecht kommen, würden in den Klimaschutz investieren müssen – oder Emissionsberechtigungen kaufen. Damit sollte erreicht werden, dass das Geld über Marktmechanismen dort investiert wird, wo der Klimaschutz am wenigsten kostet (siehe auch: Deutsche Emissionshandelsstelle: >> Allgemeine Informationen über den Emissionshandel ).

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